Yoga-Kurs nur Freizeitvergnügen? Ärger über Arroganz


Bundesweiter Volkshochschultag mit rund 1000 Gästen in Leipzig / OBM Jung: Neubau in zentraler Lage geplant

Leipzig/ Rosenheim.

Burkhard Jung hätte sich wohl kein passenderes Publikum für seine Ankündigung aussuchen können. „Ich sage jetzt vor Zeugen, was wir vor drei Wochen in der Dienstberatung besprochen haben“, setzte Leipzigs Oberbürgermeister bei der Eröffnung des bundesweiten „Volkshochschultags“ gestern in der Kongresshalle am Zoo an. „Wir werden gegenüber vom Neuen Rathaus eine neue Volkshochschule bauen.“ Ein modernes Gebäude solle es werden, unter einem Dach mit der Musikschule. Beste Lage für die Leipziger Institution, die im März ihren
100. Geburtstag gefeiert
hatte.

Damit stellte der SPD-Politiker – zumindest auf seine Stadt bezogen – schon mal in Aussicht, eine der Forderungen zu erfüllen, die Annegret Kramp-Karrenbauer, Präsidentin des Deutschen Volkshochschul-Verbands (DVV), vor den etwa 1000 Teilnehmern von Europas größtem Bildungskongress aber auch in die eigene Richtung münzte: „Wir müssen sichtbarer werden“, so die Ex-CDU-Chefin und -Verteidigungsministerin. Immerhin verfolgten die knapp 900 Volkshochschulen des Landes ja das Ziel, die Gesellschaft in ihrer gesamten Breite zu erreichen: „Jeder muss seinen Platz bei uns haben.“

In einem Video-Grußwort betonte Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier: „Die Volkshochschulen bringen Bildung zu den Menschen und die Menschen untereinander ins Gespräch.“ Wie bei ihm schimmerte durch viele Reden zwischen den Zeilen die Annahme, dass der Mangel an Bildung für die Gesellschaft einen Spaltkeil darstellt. Demokratie, stellte Kramp-Karrenbauer fest, „besteht aus Menschen, die teilhaben können“. Ihr Ärger sei groß, wenn sich jemand arrogant über Yoga-, Koch- und Origamikurse als „reines Freizeitvergnügen“ lustig mache, sagte sie. „Wir haben so viele Engstirnige, die glauben, sie wissen alles – da bin ich froh um jeden, der seinen Horizont erweitern möchte.“

Der DVV-Vorsitzende Martin Rabanus leitete daraus die politische Forderung ab, dass die Ampel-Koalition im Bund bei der Umsetzung eines geplanten „Demokratiefördergesetzes“ an die Volkshochschulen denken möge. „Wir können das Gesetz mit Leben füllen“, sagte er – und die eigene Existenz sichern: Zwei Corona-Jahre, in denen die Zahl der Kursteilnehmer trotz digitaler Angebote stark zurückging, hätten zu „teilweise dramatischen finanziellen Einbußen“ geführt, so Kramp-Karrenbauer. „Erst allmählich nimmt das Kurs-Geschehen wieder Fahrt auf.“ Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) – nebenbei Präsident des Sächsischen Volkshochschul-Verbands – mahnte an, dass im Fall einer erneuten Zuspitzung der Corona-Lage im Herbst neben Kindergärten und Schulen auch Volkshochschulen offen bleiben müssten. „Wir können nicht noch einmal so eine Unterbrechung ertragen.“

Um die digitale Weiterbildung zu stärken, sei eine Bund-Länder-Initiative nötig, verlangte Rabanus. Und da Bildung zunehmend in den Fokus der internationalen Entwicklungszusammenarbeit rücke, wolle sich der DVV auch daran beteiligen. Hochrangige Fachgäste aus Afghanistan, Kosovo, Laos, Österreich, Tadschikistan und der Ukraine hörten die Forderung. Den lautesten Jubel erntete neben Prinzen-Sänger Sebastian Krumbiegel für mehrere Lieder der Leipziger Oberbürgermeister – aber nicht für den angedachten Neubau: „Selbstverständlich müssen die VHS-Kurse weiter von der Umsatzsteuer befreit sein“, sagte Jung. Dafür trete er auch im Deutschen Städtetag als dessen Vizepräsident ein. Zwischen Bundes- und Europarecht liegt es aktuell in bestimmten Fällen im lokalen Ermessensspielraum, ob die Steuer erhoben wird oder nicht. DVV-Vorsitzender Rabanus: „Da ist es gut, wenn wir die Kommunen an unserer Seite wissen.“



Quellenangabe: Leipziger Volkszeitung vom 21.06.2022, Seite 7

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